Snow

Die Odyssee


May 29, 2020    VFS

 

Es ist 11:45 Uhr und die Temperatur steigt auf über 40 Grad Celsius als Mallikarjuna eine Gruppe von 15 Personen auf Fahrrädern auf sich zukommen sieht.

Mallikarjuna, ein Regionaldirektor der Vicente Ferrer Stiftung Indien, und sein Team haben neben der Autobahn Bangalore-Hyderabad einen kleinen Posten eingerichtet, um Wanderarbeiter, die auf den Straßen im ganzen Land unterwegs sind, mit Getränken und Nahrung zu versorgen.

“Wir haben Bangalore vor zwei Tagen verlassen und sind auf dem Weg in den Bundesstaat Uttar Pradesh”, erzählt Govinda, einer der Wanderarbeiter, während er etwas von dem angebotenen Essen zu sich nimmt. Alle arbeiteten in Restaurants, Hotels oder als Reinigungspersonal in Bangalore, aber als am 25. März die Ausgangssperre begann, verloren sie ihre Jobs – und damit auch ihr Einkommen. “Die Situation in Bangalore war sehr schwierig für uns, also haben wir uns verabredet und uns gebrauchte Fahrräder gekauft”, erklärt er. “Wir fahren tagsüber, weil wir keine Lichter haben, aber die Nächte sind gefährlich. Neulich hat uns eine Gruppe von Leuten im Schlaf angegriffen, weil sie sagten, wir seien auf ihrem Grundstück. Da habe ich mich sehr schlecht gefühlt”, sagt Govinda. Doch auf ihrer Reise treffen sie oft auch auf großzügige und hilfsbereite Menschen. Das hilft ihnen, ihre Reise durchzustehen. “Wir können diese Reise nur dank der Menschen in den umliegenden Dörfern fortsetzen, die uns Lebensmittel geben”, fügt er hinzu.

Sie hoffen, Uttar Pradesh in 20 Tagen zu erreichen, und bitten nur zögerlich um Hilfe. “Sie vertrauen niemandem. Was sie durchmachen, ist erschütternd”, fügt Mallikarjuna hinzu. Als Govinda gefragt wird, warum er sich entschieden hat, sich auf die Reise zu begeben und nicht zu warten, antwortet er sofort: “Wenn ich sterbe, möchte ich in meinem Dorf sterben, bei meiner Familie. Dann werde ich glücklich sein.”

Die gleichen Szenen spielen sich überall entlang der Landstraße ab. Andere Orte, andere Ziele, andere Namen, aber derselbe Wunsch: nach Hause zu kommen und bei ihren Familien zu sein.

“Besonders hart ist es für die Frauen. Sie tragen nicht nur ihre Habseligkeiten, sondern ihre kleinen Kinder”, sagt Rameshwary, die Regionaldirektorin der Vicente Ferrer Stiftung Indien in Madakasira.

“Neulich war ich auf dem Weg zu meinem Büro und sah eine Frau, die einen einjährigen Jungen und ein dreijähriges Mädchen auf dem Arm trug und neben ihr ging ein fünfjähriger Junge. Keiner von ihnen trug Schuhe, und besonders die Frau sah extrem erschöpft aus, als wäre sie kurz vor der Ohnmacht. Der Ehemann war mit dem Gepäck bereits vorausgegangen. Ich hielt meinen Wagen sofort an”, erklärt Rameshwary.

Shantama und ihre Kinder gehörten zu einer Gruppe von 75 Personen, die sich entschlossen hatten, ihre Heimreise von Madakasira in das 435 km entfernte Prakasam anzutreten, nachdem sie tagelang von ihrem Arbeitgeber nicht mehr bezahlt wurden. “Ich brachte sie in mein Büro und versorgte sie mit Schuhen und Essen. Wir fanden den Rest der Gruppe, und ich setzte mich sofort mit der Polizei in Verbindung, die sich bereit erklärte, die Rückreise für die Gruppe zu organisieren,“ sagt Rameshwary.

Die Vorbereitungen für die Rückreise dauerten drei Tagen und in dieser Zeit wurde die Gruppe in einem Schulgebäude, das aufgrund der Ausgangsbeschränkungen nicht als solches genutzt werden kann, untergebracht, und von der Vicente Ferrer Stiftung Indien mit Nahrung versorgt: “Die staatlichen Behörden organisierten den Transport und führten COVID-19-Tests bei allen Mitgliedern der Gruppe durch, welche alle negativ waren”, so Rameshwary. Und sie fügt hinzu: “Vor ihrer Abreise kam Shantama noch einmal auf mich zu und machte deutlich, wie wichtig jede kleine Hilfe momentan ist. Sie erzählte mir: ‘Viele Menschen sahen mich, aber niemand hielt an, um zu helfen, außer dir. Wir Frauen handeln sofort. Danke, dass du dich um mich gekümmert hast’ “.

“Wir haben täglich mit Gruppen von Wanderarbeitern Kontakt, wir versorgen sie mit Lebensmitteln und informieren sie über die Möglichkeiten, die es für ihre Rückkehr in die Heimat gibt. Wir stehen in ständigem Kontakt mit den Behörden, aber wichtiger als alles andere ist es, die Menschen mit Würde und Respekt zu behandeln”, erklärt Rameshwary.

Die Vicente Ferrer Stiftung Indien unterstützt die Anstrengungen der Behörden, den Menschen die Rückkehr in ihre Heimatdörfer zu ermöglichen. In dieser komplexen Situation geben alle Beteiligten ihr Bestes, um einen sicheren Transport zu gewährleisten.

“Letztens erhielten wir von den Bezirksbehörden die Anfrage, ob wir 5.000 Chapatis und 1.500 Mahlzeiten-Päckchen für die Reisenden eines Sonderzugs nach Uttar Pradesh herstellen und verteilen könnten. Bald bringt ein weiterer Sonderzug 750 Menschen nach Patna und auch diese Menschen werden wir mit Nahrung versorgen”, erklärt Visha Ferrer, die Direktorin des Frauenprogrammbereichs und Koordinatorin der Nahrungsmittelverteilung. Sie fügt sogleich hinzu: “Wir sind froh, dass wir bei der Bewältigung dieser Krise helfen können”.

Deepak ist einer der Glücklichen, die es in einen der Sonderzüge geschafft haben. “Mein Bruder und ich haben in einer Druckerei in Hindupur gearbeitet. Seit der Ausgangssperre war es ein Kampf, uns und unsere Familien zu ernähren”, sagt der 33-Jährige. Insgesamt sind sie zu acht unterwegs, darunter zwei kleine Kinder unter fünf Jahren. “Nur durch die Hilfe von NGOs, Privatpersonen und regionalen Behörden, die uns mit Nahrung und Vorräten versorgten, haben wir es überhaupt so weit geschafft. Ich bin froh, nach Hause zurückzukehren”, sagt er mit einem schwachen Lächeln.

Wir sind gerade Zeugen einer beispiellosen Krise, die Millionen von Menschen in Indien in Not gebracht hat. Genau diese Menschen sind mit ihrer harten Arbeit das Rückgrat der indischen Gesellschaft. Wir als Vicente Ferrer Stiftung sind froh, diesen Menschen in dieser schwierigen Situation Hilfe leisten zu können.

 

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