Nijavalli – Zwischen Trockenheit und Zuversicht
Nijavalli, ein kleines Dorf an der Grenze von Andhra Pradesh und Karnataka, war jahrelang von Dürre geprägt. Doch anstatt zu resignieren, entschied sich die Gemeinschaft für einen gemeinsamen Neuanfang – mit nachhaltiger Landwirtschaft, Wasserschutz und dem festen Willen zur Veränderung. Dieser Artikel erzählt von Menschen wie Rajitha* und Bala*, die mit Unterstützung der Vicente Ferrer Stiftung in Indien (RDT) Wege aus der Wasserknappheit und wirtschaftlichen Unsicherheit fanden. Nijavalli steht heute sinnbildlich für den Mut ländlicher Gemeinden, sich selbst neu zu erfinden.
Um 4 Uhr morgens beginnt Rajithas Tag – noch bevor das erste Licht die Felder berührt. Die Bäuerin aus dem kleinen Dorf Nijavalli bindet sich das Haar zurück, geht in den Kuhstall und melkt ihre Tiere. Einige Häuser weiter greift Bala* zur Schaufel und macht sich auf den Weg zu seinem Feld. 20 Hektar Felder mit Maulbeerbüschen und zahllosen Seidenraupen warten auf seine Pflege.

Rund 101 Kilometer von Anantapur entfernt liegt Nijavalli, eingebettet in die ruhige Landschaft der Rayalaseema-Region. Doch dieses Dorf ist mehr als nur ein Ort – sein Name bedeutet „Dorf der Wahrheit“. An der Grenze zwischen den Bundesstaaten Karnataka und Andhra Pradesh gelegen, vermischen sich hier die Regionalsprachen Telugu und Kannada ganz selbstverständlich. Auch die Landschaft ist vielfältig: Von den weiten Flächen bei Atmakur bis zu den fruchtbaren Feldern voller Leben ist alles vertreten.
Die Rayalaseema-Region kennt den Kampf gegen Trockenheit nur zu gut: Zwischen 2000 und 2018 erlebte sie 15 Dürrejahre – neun davon in Folge. 2007 traf es auch Nijavalli besonders hart: Die Grundwasserspiegel sanken dramatisch, und 100 Familien litten unter den Folgen. Doch statt aufzugeben, schlossen sich die Dorfbewohner zusammen und suchten nach Lösungen. Mit Unterstützung der Vicente Ferrer Stiftung in Indien (RDT) lernten sie neue Anbaumethoden und führten Maßnahmen ein, um Wasser zu speichern und den Grundwasserspiegel wieder anzuheben.
„Wenn man Nijavalli heute sieht, kann man kaum glauben, wie sehr wir einst ums Überleben unserer Felder kämpfen mussten“, sagt Bala. Früher bauten Familien traditionell Erdnüsse und Hülsenfrüchte an – Pflanzen, die das ohnehin knappe Grundwasser zusätzlich erschöpften. „Mein Vater und mein Großvater pflanzten Erdnüsse. Wir Kinder mussten damals mit Gießkannen die Felder bewässern – jeder Tropfen zählte“, erinnert sich Bala.

Im Rahmen des Integrierten Dorfentwicklungsprojekts der Vicente Ferrer Stiftung in Indien (RDT) wurde Nijavalli Teil eines umfassenden Programms, das verschiedene Aspekte des ländlichen Lebens berücksichtigt: nachhaltige Lebensgrundlagen, ökologische Verantwortung und Gleichstellung der Geschlechter.
Ein entscheidender Schritt war der Bau eines Rückhaltebeckens, das große Wassermengen speichern kann – eine Maßnahme, die das Risiko von Dürre senken und alternative Einkommensquellen schaffen sollte.
„Uns wurde klar: Wenn wir Wasser für Landwirtschaft und unseren Alltagsbedarf wollen, müssen wir es klug nutzen und das Grundwasser wieder auffüllen. Das Rückhaltebecken hilft dabei sehr. Heute haben wir durch Viehzucht, neue Anbaupraktiken und zusätzliche Einkommen endlich eine gewisse finanzielle Sicherheit“, erklärt Bala.
Wasser stand schon immer im Zentrum lebendiger Gemeinschaften – es kann sie prägen, durch Überfluss oder Mangel. Auch Nijavalli erzählt eine solche Geschichte: von Widerstandskraft und Wandel in Zeiten der Knappheit. Rajitha sieht die Veränderungen, während sie ihre Kühe wäscht: „Früher halfen Frauen nur auf dem Feld. Heute leiten sie Frauengruppen im Dorf und unterstützen andere dabei, neue Einkommensquellen zu finden. Das hat mich dazu inspiriert, Kühe zu halten.“
Der Gemeinschaftsgeist von Nijavalli zeigt sich überall: Milchwirtschaft, Bodenerhalt, Hausgärten, Hinterhofbepflanzung und ökologische Landwirtschaft greifen ineinander. „Ich habe gelernt, wie wichtig es ist, den Boden zu pflegen – mit Gräben, Mischkulturen und organischen Methoden“, sagt Bala, während er Maulbeerabfälle in die Erde einarbeitet, um seine Seidenraupenzucht zu stärken.
Dank des Integrierten Dorfentwicklungsprojekts sorgt die Stiftung dafür, dass jede Gemeinschaft auf ihre Bedürfnisse hin unterstützt wird. Ziel ist nicht nur wirtschaftliche Unabhängigkeit, sondern ein Umfeld, in dem Menschen ökologisch, sozial und wirtschaftlich aufblühen können.
Wenn heute in Nijavalli der Tag beginnt, herrscht rege Betriebsamkeit: Die Milch, die Rajitha melkt, ernährt ihre Familie und stärkt die regionale Milchwirtschaft. Die Maulbeerblätter, die Bala erntet, werden von Kunsthandwerkerinnen zu Seide verarbeitet. Ein Kreislauf, der den Boden bereichert und die Familien ernährt.
*Namen zum Schutz der Personen geändert.
Text: Mathusree Menon Übersetzung: Vicente Ferrer Stiftung in Deutschland
August 4, 2025
VFS