Es ist Montagmorgen im Stiftungskrankenhaus von Kalyandurg, Indien. In den Fluren hört man das gleichmäßige Summen der Maschinen und geschäftige Schritte. In der Kinderambulanz beginnt die 22-jährige Ärztin Shabana ihren Dienst und kümmert sich um Kinder und deren Eltern, die ihren Rat suchen.

Für Shabana ist jede Behandlung eine Erinnerung an den eigenen, langen Weg, der sie hierhergeführt hat. Ein Weg, der in eben diesem Krankenhaus begann – dort, wo ihre Mutter, Umera Begum, seit 17 Jahren arbeitet. „Dieses Krankenhaus und die Mitarbeitenden haben mich dazu inspiriert, Ärztin zu werden“, sagt Shabana und blickt sich in den vertrauten Räumen um.
Umera hat ihre drei Töchter mit Entschlossenheit und dem unerschütterlichen Glauben an Bildung als Schlüssel für eine selbstbestimmte Zukunft großgezogen. „Selbst nach einem langen Arbeitstag fragte uns meine Mutter nach unseren Schulaufgaben“, erinnert sich Shabana. „Sie sagte immer: ‚Steht auf eigenen Beinen und wisst, dass ihr dazugehört.‘ Das vergesse ich bis heute nicht.“
Diese Ermutigung führte dazu, dass Shabana und ihre Schwestern immer alles dafür gegeben haben, ihre Träume zu verwirklichen. Die älteste Schwester arbeitet heute als Krankenschwester in einem Krankenhaus in Kurnool, Indien, während die jüngste ein Ingenieurstudium absolviert. „Meine Mutter hat mir vermittelt, wie wichtig fleißiges Lernen und harte Arbeit ist. Sie war es auch, die mir vom Stipendienprogramm der Vicente Ferrer Stiftung in Indien (RDT) erzählt hat“, erinnert sich Shabana.
„Nach der Schule war ich mir unsicher, welchen Weg ich einschlagen sollte“, erzählt Shabana. „Die Beratungsgespräche im Rahmen des Studienstipendiums haben mir geholfen, meine Stärken und Möglichkeiten zu erkennen und ich entschied mich Ärztin zu werden.“ Shabana bereitete sich gewissenhaft auf die Auswahltests für das Stipendium vor und lernte gleichzeitig intensiv für die Zulassungsprüfungen zum Medizinstudium. Mit Fleiß und Durchhaltevermögen bestand sie beides und begann ihr Studium am Sri Chaitanya College in Vijayawada.
Das von der Stiftung 2004 ins Leben gerufene Stipendienprogramm vergibt Stipendien an leistungsstarke Schülerinnen und Schüler, deren Eltern sich ein Studium für Ihre Kinder nicht leisten können. Seitdem haben mehr als 5.000 junge Menschen von dem Stipendium profitiert, viele von ihnen haben sich für MINT-Fächer wie Medizin, Ingenieurwesen und IT entschieden.

Heute, nach dem erfolgreichen Abschluss ihres Studiums, ist Shabana in ihre Heimatstadt zurückgekehrt. Hier kümmert sie sich jetzt an dem Ort um Patienten, an dem ihre Mutter bereits fast zwei Jahrzehnte lang unermüdlich gearbeitet hat. Sie lernt von erfahrenen Ärzten, übernimmt erste komplexe Fälle und schaut dankbar auf ihren bisherigen Weg zurück.
Umera beobachtet ihre Tochter bei der Arbeit und ihre Augen strahlen vor Stolz. „Sie ist nicht nur als meine Tochter, sondern auch als Ärztin in das Krankenhaus zurückgekehrt, in dem ich schon so lange arbeite. Das bestärkt mich in meiner Überzeugung, dass sich all die Anstrengungen, die ich für die Ausbildung meiner Kinder unternommen habe, gelohnt haben“, sagt sie mit einem Lächeln.
Für Shabana ist Bildung weit mehr als akademischer Erfolg – sie ist der Schlüssel zu Träumen und der Anstoß für Veränderungen. „Das Studienstipendium der Stiftung hat mir meinen Traum Ärztin zu werden, ermöglicht. Ich bin fest davon überzeugt, dass durch Bildung jedes Kind die Chance bekommt, seine Träume zu erkennen und darauf hinzuarbeiten. Ich finde, dass es wichtig ist, große Träume zu haben und jede Gelegenheit, sie wahr werden zu lassen, ergreift“, sagt sie, und wendet sich ihrem nächsten Patienten zu.
Text: Mathusree Menon Übersetzung: Vicente Ferrer Stiftung in Deutschland
September 11, 2025
VFS