Die 16-jährige Shruti (Name geändert) wuchs in einer armen Familie in der Provinz Bagmati in Nepal auf. Sie musste ihre Schulbildung vorzeitig beenden, um ihre Mutter bei der Hausarbeit zu unterstützen. Sruthis Eltern arbeiteten beide als Tagelöhner und waren alkoholkrank. Zu Hause gab es daher immer wieder Streit und Handgreiflichkeiten. Vor einem Jahr verließen Shruti und ihre Mutter den gewalttätigen Vater und zogen in einen anderen Stadtteil. Beide fingen an, in einer Kantine zu arbeiten. Shruti fand jedoch schnell eine neue und besser bezahlte Arbeit als Babysitterin in einer Familie. Hier freundete sie sich mit der Hausangestellten, Sapana, an, die ihr schnell eine besser bezahlte Arbeit in einem Gästehaus anbot.

In der Hoffnung, ihre Familie finanziell besser unterstützen zu können, ging Shruti auf dieses neue Angebot ein. Sie ahnte nicht, dass sie unter einem Vorwand in das Gästehaus gelockt wurde, wo sie sexuell missbraucht wurde. Ihre Freundin Sapana hatte ihre finanzielle Situation ausgenutzt und sie an fremde Männer verkauft. In ihrer Verzweiflung wand sie sich an den Besitzer des Gästehauses, doch der fühlte sich dafür nicht verantwortlich.
Shruti wußte nicht, an wen sie sich wenden sollte. Sie fühlte sich von ihrer Freundin verraten und schämte sich für das, was in dem Gästehaus passiert war. Mit ihrer Mutter darüber zu sprechen, war für sie unmöglich. Dafür war die Scham zu groß. Schließlich wollte sie ja nur ihre Familie finanziell unterstützen. In ihrer ausweglosen Situation ließ sie sich von Sapana überreden, mit Sexarbeit schnelles Geld zu verdienen, damit sie und ihre Familie ein besseres Leben führen könnten. Shruti wollte der Armut entkommen und sah keine andere Lösung in ihrer Verzweiflung.
So arbeitete sie schließlich jeden Tag mit anderen Mädchen als Sexarbeiterin für Sapana. Entgegen allen Versprechungen behielt Sapana jedoch das Geld von den Kunden und Sruthi bekam als Entlohnung nur ihr Essen, Kleidung und die Unterkunft im Gästehaus. An eine Unterstützung ihrer Familie war nicht zu denken.
Durch einen Hinweis an die Polizei konnten Shruti und sieben weitere Mädchen Wochen später aus ihrem Martyrium befreit werden. So kam Shruti in das Kinderschutzhaus von Maiti Nepal, wo sie medizinisch versorgt wurde, und eine sichere Unterkunft erhielt. Im Kinderschutzhaus erhält sie heute alle Unterstützung, die sie braucht, um das Erlebte zu verarbeiten. Eine Anklage will Shruti nicht erheben. Dafür ist die Gefahr der Stigmatisierung, die sie und ihre Familie erleben würde, zu hoch. Shruti kann durch die Hilfe und Unterstützung von Maiti Nepal jetzt das Leben führen, was eine 16-jährige führen sollte. Sie geht in die Teresa Academy, die Bildungseinrichtung von Maiti Nepal, zur Schule und will ihren Schulabschluss machen. Sie hat neue Freundinnen gefunden und will ihre Vergangenheit so schnell wie möglich hinter sich lassen.
Text: Maiti Nepal und Vicente Ferrer Stiftung in Deutschland
Juli 16, 2024
VFS